Nicolaus de Rupe, B. (21)

Nicolaus de Rupe, B. (21)

21B. Nicolaus de Rupe, Anach. (21. al. 22. März). Das Leben des seligen Nicolaus von der Flüe hat bis heute, so wundervoll es ist, doch keinen Bestreiter gefunden. Die Zeugnisse der Geschichte sind so zahlreich und einmüthig, daß Katholiken und Protestanten sie anerkennen. Er steht nicht bloß als Heiliger, sondern auch als Prophet an der Grenzscheide zweier Zeiten. Er lebte, dachte, sprach und handelte streng katholisch; er ist selbst ein lebendiges und wundervolles Zeugniß für die Wahrheit der katholischen Lehre von der wesenhaften Gegenwart Jesu Christi im hl. Sacramente, sohin auch von dem göttlich eingesetzten Priesterthum der kathol. Kirche; er warnt als Prophet vor den einbrechenden Neuerungen, die er im Geiste kommen sieht – und doch hatte Luther die Kühnheit, diesen ächt katholischen Mann, welcher kein Aederchen in seinem Leibe, keinen Gedanken in seiner Seele hatte, der dem jenes Ketzerhauptes ähnlich gewesen wäre, als mit ihm harmonirend darzustellen. Die folgende Skizze gibt nun eine kurze Zusammenstellung der Ergebnisse der bewährtesten Forschungen, zumeist aus der dreibändigen Geschichte von Ming. Außerdem sehe man den Commentar über sein Leben von Peter Hugo (Boll. Mart. III. 398–439), die Seligsprechungs-Acten, die Bearbeitungen von Butler und Burgener, dann die ältern von Wysing, Benno, Weißenbach u. A. Zu Saxeln (Saxula, jetzt meist Sachseln geschrieben) in Unterwalden in einer nischenförmigen Vertiefung des Hauptaltars der Pfarrkirche, welche zugleich eine viel besuchte Wallfahrtskirche ist, ruhen die Reliquien dieses seligen Nicolaus, gewöhnlich Klaus von der Flüe genannt. Sie stellen ihn knieend und mit gefalteten Händen betend dar. In der nahe gelegenen Filiale Flüele, sogenannt von dem großen Felsstock Fluh, erblickte er das Licht der Welt. Seine Familie, ausgezeichnet durch Alter und Religiosität, trug den Namen Berger oder von Flüe, und genoß schon in alter Zeit die höchste Achtung. Nach dem ursprünglichen Familiennamen nannte sie sich Löwenbrugger, eigentlich Leopontini, da sie aus Italien eingewandert war. Der selige Nicolaus war das erstgeborene Kind des Heinrich Löwenbrugger, zugenannt von Flüe, und seiner ehlichen Hausfrau Hemma oder Hemmana Robert. Da die Pfarrkirche in Saxeln um jene Zeit durch einen Todtschlag entweiht war, wurde die hl. Taufe in der benachbarten Pfarrkirche zu Kerns vollzogen. Die Gnade Gottes hatte seine Seele zu einem ihrer besonders würdigen Gefäße der Art vorbereitet, daß er schon vor seiner Geburt den Gebrauch der Vernunft besaß und nach seiner Geburt sogleich sich selbst, seine Mutter und die Hebamme, bei der hl. Taufe aber den Priester, welcher das hl. Sacrament spendete, die Taufpathen und alle übrigen Anwesenden, einen einzigen, schon grauen Mann ausgenommen, erkannte. Eben so sah er den krummen, unebenen Weg, auf dem er zur hl. Taufe getragen wurde. Als er aufwuchs, war nichts Kindisches an ihm, als jene unschuldige Fröhlichkeit, die dem aufblühenden Alter eigen in. Alle kindlichen Tugenden zeigten sich an ihm so zu sagen in ihrer vollkommensten Ausbildung. Was die Eltern ihn lehrten, was sie ihm Schönes und Nachahmenswerthes von ihren Vorfahren erzählten, bewahrte er Alles treu in seinem Herzen. Seine Altersgenossen, besonders seine Brüder und Schwestern, mahnte er in aller Bescheidenheit und Demuth zur Liebe und zum Dienste Gottes. So blieb er auch als Jüngling fromm, demüthig und zurückgezogen. Obwohl unablässig arbeitend, verkehrte er innerlich stets mit Gott und suchte von Zeit zu Zeit ein stilles Plätzchen, wo er, von Andern unbeachtet, dem Gebete obliegen konnte. Auch von ihm ist bezeugt, daß er schon als Kind an Freitagen und Samstagen sich der mütterlichen Nahrung enthielt, später aber wöchentlich vier strenge Fasttage freiwillig beobachtete. In der Fastenzeit genoß er nie gekochte oder warme Speisen, sondern alle Tage nur einmal einige gedörrte Birnen und ein Stücklein Brod. Wenn man ihn davon abhalten oder abmahnen wollte, gab er zur Antwort, daß Gott es von ihm so haben wolle. Er war sechszehn Jahre alt, als er das erste Mal überirdische Geheimnisse sah. Im Ranft, welcher später durch sein Einsiedlerleben berühmt wurde, erblickte er nämlich einen hohen Thurm, der sein Haupt in den Wolken verlor. Zugleich erkannte er innerlich daß er eben so an christlicher Vollkommenheit wachsen müsse. In den Jahren bereits vorgerückter Mannbarkeit ward der fromme Jüngling mit einer ehrsamen Jungfrau, Namens Dorothea Wyßling aus Saxeln, verehlichet. Nicolaus, welchen Gott offenbar bestimmt hatte, seinen Landsleuten auch im Ehestande als Tugendbild vorzuleuchten, änderte nichts in seiner von Jugend her angewöhnten und selbst im Kriege, wovon unten, nicht unterbrochenen frommen Lebensweise, in seinen Abtödtungen und frommen Uebungen. Oft stand er zu großer Verwunderung und Erbauung seiner Gattin um Mitternacht zum Gebete auf und begab sich wohl auch, wenn er glaubte, es unbemerkt thun zu können, in die alte Pfarrkirche von Kerns, welche seinem Namenspatron, dem hl. Nicolaus geweiht war. Kurz, er lebte mit seiner Hausfrau in großer, christlicher Frömmigkeit, in ehlicher Keuschheit, Treue und Ehrbarkeit. Zehn an Seele und Leib gesunde und blühende Kinder, fünf Söhne und fünf Töchter waren die Frucht dieser heiligen Verbindung. Die Eltern erzogen dieselben in der Weise und Absicht, daß sie ihnen ähnlich werden möchten.5 Sie hielten Alles auf gute Zucht und Ordnung, auf gemeinsames und andächtiges Gebet, auf Frieden und gutes Zusammenleben mit den Nachbarn. Schon vor seiner Verheirathung, noch kaum zwanzig Jahre alt, hatte der selige Nicolaus sich in dem sogenannten alten Züricher Kriege, vom J. 1436 bis 1446, als Wehrmann ausgezeichnet: »er hat sich«, heißt es in den Acten, »gehalten als tapferer, handfester und redlicher Mann.« Auch als Soldat benutzte er jede freie Zeit zu stillem Gebete in der Einsamkeit, am liebsten in einer Kirche. Einige setzen hinzu, er habe die Stelle eines Rottmeisters oder Fähndrichs begleitet. Er rettete das Kloster Catharinenthal vor gänzlicher Zerstörung. Noch heute zeigt man dort ein Crucifix, vor dem er gebetet und das bei dieser Gelegenheit mit ihm geredet haben soll. Er erhielt für jene That, welche in dem Feldzuge der Eidgenossen gegen den Erzherzog Sigmund von Oesterreich geschah (im J. 1460), eine goldene Denkmünze. Es war ihm aber nicht um zeitliche Ehren zu thun, vielmehr strebte er jedem Menschenlob auszuweichen, weßhalb die Einöde mitten im Kriege, wie später in seinen häuslichen und bürgerlichen Geschäften den besondern Gegenstand seiner Wünsche ausmachte. Oefter wollten die Gemeindeangehörigen ihn zu ihrem Landammann haben, aber er brachte sie mit ernstlicher Bitte jedesmal von diesem Vorhaben wie der ab. Nur zu der untergeordneteren Stelle eines Landraths und (Schieds.) Richters ließ er sich wählen, und versah dieses Amt mit solcher Treue, Unparteilichkeit und Gewissenhaftigkeit, daß er sagen konnte, er sei mit Gottes Gnade niemals von der Gerechtigkeit abgewichen. Als er eines Tages aus dem Munde zweier Richter, welche ein ungerechtes Urtheil gefällt, feurige Flammen hervorbrechen sah, war er nicht zu bewegen, noch länger in seinem Amte zu bleiben. Sein Herz hing aber dem Vaterlande um so treuer und inniger an, als er sich für Alles, was Gott wohlgefällig war, seit dieser Zeit wo möglich noch stärker als bisher begeisterte, und lieferte den Beweis, daß man ein guter Christ seyn, sogar die Welt gänzlich verlassen, und doch »ein wohlthätiger Bürger« bleiben könne. Wir setzen die betreffenden Thatsachen, obwohl sie erst später eintraten, des Zusammenhangs halber gleich an dieser Stelle ein. Ohne allen Zweifel durch Vermittelung des hl. Geistes, zu welchem der fromme Einsiedler von Ranft, – denn dahin hatte er sich damals schon zurückgezogen, – gebetet hatte, geschah es, daß wider alles Erwarten Sigmund alle Gedanken der Rache gegen die Eidgenossen, die er bis dahin noch gehegt hatte, vergaß und auf friedliche Vereinigung mit ihnen sann. Bald darauf entstand Zwietracht im eigenen Lande, ob die Städte Freiburg und Solothurn in den Bund aufgenommen werden sollten. Jede friedliche Ausgleichung schien unmöglich, der Bürgerkrieg vor der Thüre zu seyn. Da rieth Bruder Klaus, der jedoch aus Demuth die Rathstube zu Stanz nicht betrat, sondern von der Laube (Altane) aus zu den Eidgenossen sprach, man solle beide Städte in die Genossenschaft aufnehmen, worauf sogleich die Versöhnung zu Stande kam, am Vorabend des St. Thomastags d.J. 1481. Doch kehren wir jetzt in seine Behausung zurück. Den Beruf zum Einsiedlerleben hatte ihm Gott in mehreren Gesichten, welche bei Ming, Burgener u. A. ausführlich erzählt sind, besonders aber in der beständigen Sehnsucht nach demselben, wovon sein Herz erfüllt war, klar zu erkennen gegeben. Endlich war er nicht mehr zurückzuhalten; die Verbindung mit dem Irdischen mußte ganz gelöst werden. Er bat also seine Frau, die damals etwa dreiunddreißig Jahre alt war, um ihre Einwilligung zu diesem Vorhaben; ein längeres Verbleiben bei ihr habe la doch keinen Nutzen, da er zu weltlichen Sachen, wie er wohl spüre, ganz und gar untauglich sei. Endlich nach vielfältigem Bitten gab sie nach; der selige Nicolaus ging am 16. Oct. 1467 für immer in die Einöde. Sein jüngstes Kind war eben dreizehn Wochen alt. Der selige Nicolaus kam seitdem nie mehr zu seinem Weibe, oder über die Schwelle seines Hauses. Was von Jugend an die letzte Absicht aller seiner Tugenden war, wurde setzt von allen Nebenzwecken befreit, zur einzigen Aufgabe seines Lebens: er wollte seinem Herrn und Erlöser ganz und gar gleichförmig werden, um dereinst auch mit Ihm verherrlichet zu werden. Er trug von nun an einen langen braunen Rock ohne Kragen, oben mit einem Knopfe versehen, manchmal mit einer Schnur umgürtet, kein Geld, keine Kopfbedeckung und keine Schuhe, in den Händen den Rosenkranz. Auch in seinen Stock hatte er die Zeichen des Rosenkranzes eingeschnitten. Nachdem er längere Zeit unschlüssig gewesen und um einen passenden Aufenthalt zu suchen bis in die Gegend von Basel gewandert war, führte ihn der liebe Gott wieder zurück in den schauerlichen Melehatobel, Ranft genannt, etwa eine Viertelstunde von seinem vormaligen Wohnhause entfernt. Hier lebte er beinahe zwanzig Jahre in seltener Strenge und Abgeschiedenheit, ohne alle menschliche Nahrung, ohne Aufhören betend und die Geheimnisse der Gottheit betrachtend, als Tröster der Betrübten, als Bußprediger für die Sünder, als wunderbarer Helfer in Noth und Gefahr, als Friedensstifter und Berather des Vaterlandes. Es wurde ihm auf seinen Wunsch eine kleine Capelle nebst Einsiedlerwohnung gebaut, obschon seine Verwandten noch längern Aufschub begehrten. Die Zelle war aus Holz und hatte ein kleines Fenster auf den Altar und zwei noch kleinere nach außen. Die ersten zehn Jahre seines Einsiedlerlebens besuchte er den Pfarrgottesdienst zu Saxeln. Später stiftete er zu seiner Capelle aus den eingehenden Opfergaben eine Caplanei. Von da angefangen hörte er hier die hl. Messe und empfing mindestens jeden Monat einmal die Communion. Hier lebte er Tag und Nacht im Gebete und in der Betrachtung, sowie in Rathertheilung und Zuspruch jeder Art. Der Zulauf zu ihm war nämlich oft sehr groß. Er war allzeit freundlich und liebreich; am Vormittag aber hatte in der Regel Niemand Zutritt zu ihm. Wenn er dem Gedräng nicht ausweichen konnte, so entfloh er oft früh aus seiner Zelle in die innere Wildniß, um da ungestört beten zu können. Nach vollendetem Gebete, manchmal erst nach ein paar Tagen, trat der fromme Greis wie eine Erscheinung aus der höhern Welt zu der harrenden Menge. Im ersten Jahre seines Aufenthalts im Ranft, am 15. Aug. brach in Sarnen ein heftiger Brand aus. Kein Löschen wollte helfen. In dieser großen Noth schickte man einen Boten zu dem Seligen, der sogleich das »Schiebloch« bestieg, von welchem aus man die Flammen sehen konnte. Er machte das Kreuz über sie, worauf sie alsbald erloschen. Seit jener Zeit soll es überhaupt, ein fortgesetztes Wunder, in Sarnen nicht mehr gebrannt haben. Die vollständige Enthaltung des Seligen von aller leiblichen Nahrung, sowohl Speise als Trank, ist als Wunder der Gnade, nicht als freiwillige That von seiner Seite aufzufassen. Er kam dazu, ohne daß er es wollte und wußte. Das Verlangen nach Speise und Trank war so vollständig in ihm verschwunden, daß jeder, wenn auch noch so geringe Genuß menschlicher Nahrung ihm höchst peinlich und fast unmöglich war. Die beinahe grausame, mindestens sehr harte Probe, welche ihm der Weihbischof Thomas von Constanz ungeachtet seines Bittens deßfalls auferlegte, bietet den deutlichsten Beweis dieser Aufstellung. Drei kleine Brodkrummen und ein wenig Johannissegen, welche er auf dessen Anordnung aus bloßem Gehorsam zu sich nahm, verursachten ihm so große Leiden, daß man selbst für sein Leben fürchtete. Die Thatsache seines außerordentlichen Fastens steht so fest, daß auch solche Schriftsteller, welche die katholische Kirche hassen und das Geheimniß des Altarssacraments, das der Selige jeden Monat einmal empfing, läugnen, sie unumwunden anerkennen. Citate dieser Art finden sich sehr zahlreich bei Ming. So z.B. schreibt Joh. von Müller ( Schweizer-Gesch. V. 245): »Es ist noch bei seinem Leben untersucht, weit und breit erzählt, von seinen Zeitgenossen der Nachwelt überliefert, und selbst nach der Glaubensänderung als erwiesen geglaubt worden, daß der Bruder Claus in dieser Einsamkeit bis in das zwanzigste Jahr ohne andere Speise gelebt, als die er einmal monatlich im Sacramente des Altars genossen. Zu bestimmt reden die Aussagen, zu groß war das Erstaunen, um die Enthaltung von nur gekochten Speisen oder nur von Fleisch zu verstehen, er sprach davon als von einer Eigenschaft, nicht wie von einem Verdienst.« In der That gab er auf Fragen in dieser Hinsicht gewöhnlich nur zur Antwort: »Gott weiß.« Er selbst zeigte sich am Anfange darüber verwundert und setzte diese Lebensweise nur auf den Rath seines Gewissensfreundes fort. Dabei mußte er Vieles leiden, sowohl von geistlicher als weltlicher Obrigkeit, besonders aber von Seite böswilliger Menschen, welche ihn eines Bundes mit dem Satan ziehen. Sein Leib war dabei allerdings mager und abgezehrt, aber er hatte ein gesundes und frisches Ausssehen, nicht etwa gelb oder abgeblaßt, er konnte weite Strecken gehen, lang sprechen und spürte überhaupt keine Abnahme der Kräfte. Eben so war er keineswegs traurigen Gemüthes, sondern vielmehr leutselig, fröhlich und freundlich. Er empfing die Besuche mit biederm Handschlage und lachendem Munde. Der Anfang zu diesem Leben geschah in sehr schmerzlicher Weise. Er war sehr ermüdet von der Reise, wollte aber gleichwohl die Nacht unter freiem Himmel betend zubringen. Da überfällt ihn vor Müdigkeit ein kurzer Schlaf. Beim Erwachen sieht er sich plötzlich von einem Lichtglanz, wie von einem Blitze umflossen und empfindet in seinen Eingeweiden ein so heftiges Leiden, als wenn man mit einem Messer in denselben herumfahre und sie ausschneide, und von diesem Zeitpunkte an verläßt ihn jedes Gefühl von Hunger und Durst. Der selige Nicolaus erklärt am besten selbst seinen Zustand mit den Worten: »Wenn ich nahe bei dem Priester kniee und ihn erblicke, wie er die göttliche Speise zu sich nimmt, oder wenn ich sonst gewürdiget werde, dieselbe zu empfangen, wird mein ganzes Gemüth so vom himmlischen Trost und Lust überschüttet, daß ich gleichsam darin schwimme und der Ueberfluß sich auch in den Leib ergießt. Das ist's, was mich nährt und alle andere Nahrung vergessen macht. Der Leib und das Blut Jesu Christi ist meine einzige Speise und mein einziges Getränk. Er bleibt in mir und ich in Ihm, so daß ich nur lebe durch Ihn. Ja Christus lebt in mir, Er ist mir Speis und Trank, Gesundheit und Arznei.« Aehnlich erging es ihm, wie er selbst erzählt, wenn er das Leiden des Heilandes, namentlich das Neigen seines gebenedeiten Hauptes am Kreuze betrachtete. Zum Behufe leichterer Betrachtung hatte er das ganze Leben und Leiden des Herrn in zweiundneunzig. Punkte zusammengefaßt, welche er auswendig wußte. Ebenso pflegte er in das Vater unser und Ave Maria bestimmte Zwischengedanken, die er nicht ohne Seufzer und Thränen aussprach, einzuflechten. Bei Ming findet man diese kurzen und ansprechenden Anmuthungen, welche bereits der selige Canisius herausgegeben hat, in Prosa und in alterthümlichen Reimen zusammengestellt. Sein Lieblingsgebet war das bekannte: »Mein Herr und mein Gott, nimm Alles von mir, was mich hindert zu Dir; mein Herr und mein Gott, gib Alles mir, was mich fördert zu Dir; mein Herr und mein Gott, nimm mich mir, gib mich ganz eigen Dir.« Im Gebete gerieth er nicht selten außer sich. Eines Tags fanden ihn mehrere Freunde wie todt in seiner Zelle liegen. Als er erwachte, sprach er auf Befragen: »Der Herr hat mich an einen entfernten Ort geführt. O welch' ein Vergnügen hab' ich da geschmeckt, das sind andere Speisen, das sind andere Getränke!« Ein anderes Mal sah Er ein hell strahlendes Angesicht, eine Krone auf dem Haupte, voll göttlicher Majestät vom Himmel zu sich herniederschweben. Das Angesicht umgaben zwei eben so helle Lichtkreise (Räder). Drei Lichtstrahlen entflossen dem Angesichte wie wenn sie aus den Augen und dem Munde kämen, und überstrahlten die beiden Lichtkreise; drei andere schienen von außen zu dem innern Lichtkreise zurückzukehren. Es war ihm bei diesem Gesichte, in welchem er wie vom Blitze getroffen zu Boden stürzte, zu Muthe, als wollte sein Herz in Stücklein zerspringen, aber es blieb ein Strahl der Verklärung, der ihn damals getroffen, seit jener Zeit auf seinem Angesichte, und erfüllte Alle, die ihn sahen, mit heiliger Furcht. Die Erklärung des Gesichtes, welches der Selige selbst für eine Erscheinung der hl. Dreifaltigkeit hielt, findet sich ausführlich bei Ming, S. 251 ff. Eine Abbildung, die der Selige davon fertigen ließ, findet sich jetzt noch in Saxeln. Aber auch der böse Feind war auf den Diener Gottes aufmerksam geworden. Alle Arten von Nachstellungen, angefangen von Gedanken der Muthlosigkeit, des Ekels, der Ungeduld, die er ihm einflößte, bis zu körperlichen Mißhandlungen, Schlägen und andern Belästigungen wendete er gegen ihn an. Einst warf er ihn, da er mit Ausreuten von Dornen und Gestrüpp auf der »Bergmatt« beschäftiget war, mitten durch die Dornen, wohl dreißig Schritt weit, so daß er lange Zeit nicht mehr zu sich kam. Er trug das Leiden mit aller Geduld und sagte nur: »Nun wohl, in Gottes Namen! Wie hat mich der Teufel so recht übel behandelt; Gott hat's vielleicht so haben wollen.« Man sah noch längere Zeit die Narben der Wunden, welche ihm diese Mißhandlung zugezogen. Besonders arg wurden diese Anfälle im Ranft. Oft rannte er mit so ungestümmem Stoßen an sein Häuslein, als wollte er's ganz zu Boden stürzen. Manchmal kam er zu ihm hinein, faßte ihn bei den Haaren und zog ihn mit Gewalt hinaus. Der Selige befahl sich jedesmal mit starkem und beständigem Gemüth der Hilfe Gottes und der Fürbitte Mariä, seiner auserwählten Mutter, und erhielt wunderbare Hilfe. Einmal erschien er ihm in Gestalt eines Kaufmannes, welcher meinte, in diesem einsamen Leben könne er unmöglich den Beruf Gottes erfüllen, denn dafür könne er unmöglich so viel Verstand und Weisheit empfangen haben. Aber Nicolaus antwortete kurz, er hätte besser gethan, sich selbst ein guter Rathgeber zu seyn, dann hätte er den Himmel nicht mit der Hölle vertauschen müssen. Seine Beichtväter waren der Leutpriester (Pfarrer) von Kerns und jener von Saxeln. Diese besuchten ihn regelmäßig und führten auch zu dem frommen Clausner solche Besuchende, die sie würdig hielten. Andere wurden abgewiesen. Aus Deutschland haben ihn ein Karthäuser aus Eisenach, der Arzt des Erzherzogs Sigmund, ein Ritter aus Halle u.m.A. gesehen. Seine Gespräche bezogen sich meist auf heilige, mindestens aber nützliche Dinge: »er sagte uns viel liebe göttliche Lehre«, erzählt z.B. Hans von Waldheim. Seine Frömmigkeit war innig und tief, denn er lebte, dachte und handelte stets in Vereinigung mit Gott. Daher auch seine große Ehrfurcht vor der Obrigkeit und die öfter wiederkehrende Aeußerung: der Gehorsam sei die größte Tugend im Himmel und auf Erden. Sein liebster Zuspruch war: »Menich, glaub' an Gott kräftiglich, denn in dem Glauben steht die Hoffnung, in der Hoffnung stehet die Liebe, in der Liebe steht die Empfindung, in der Empfindung steht die Ueberwindung, in der Ueberwindung steht die Belohnung, in der Belohnung steht die Krönung, in der Krönung stehen die ewigen Dinge.« Wie er besonders die Priester zu ehren befahl, selbst wenn sie unwürdig lebten, wie fest er in der Einheit des katholischen Glaubens stand, und wie sicher er in die Zukunft blickte, erkennt man klar aus folgender Anrede, welche er dem Sinne nach öfter und stets mit dem gleichen Nachdruck wiederholte: »Den Priestern erzeiget gebührende Ehre und befolget ihre Mahnungen, ob sie gleich nicht unsträflich und auferbaulich leben. Denn gleichwie frisches Brunnenwasser eben so gut und schmackhaft durch bleierne oder kupferne wie durch silberne und goldene Röhren lauft, so empfanget ihr durch gute und schlechte Priester eine und dieselbe Gnade Gottes, wofern ihr euch dazu würdig vorbereitet. Seid beharrlich im Glauben eurer Väter, denn nach meinem Tode wird sich ein großer Aufruhr begeben in der Christenheit, alsdann hütet euch vor des Teufels Betrug durch List und Neuerung.«6 Als ein zweiter Johannes der Täufer war er ein Prediger in der Wüste, der Allen kurz und eindringlich sagte, was ihnen nöthig war. Allen begegnete er mit Milde und Mitleid, nur solche, die nur aus bloßer Neugier kamen, wies er kurz ab. Beim Weggehen pflegte er immer zu sagen: »Mein Sohn, bitt' für mich!« Der hl. Mutter Gottes widmete der Selige täglich ein besonderes Gebet, schenkte er nach Gott sein höchstes Vertrauen. Er redete oft von ihren Geheimnissen und vereinigte ihre Betrachtung mit jener der Geheimnisse des Lebens und Leidens Jesu Christi. Maria war seine Zuflucht und Helferin in den zahlreichen Kämpfen, die er mit dem bösen Geiste zu bestehen hatte. Es ist sehr glaublich, daß die göttliche Mutter ihrem Diener öfter sichtbar erschien, ihn unterrichtete und tröstete. Auch sagt der Bericht des Hans von Waldheim, welcher ihn im siebenten Jahre seiner Einsamkeit besucht hat, daß die Sage ging, der Bruder sei oft und viel zu Unser lieben Frauen in Einsiedeln gesehen worden, ohne daß ihm unterwegs je einmal ein Mensch begegnet wäre: »wie er nun aber oder durch welche Wege er dahin kommt, ist Gott dem Allmächtigen wohl bewußt.« Sein Ende war schwer und schmerzlich. Eine harte Krankheit, die sein Mark, sein Geäder, alle seine Gebeine durchwühlte, so daß seine fast gestorbenen Glieder sich Linderung suchend auf dem Brette hin und her bewegten, war seine letzte Prüfung. Aber so groß sein Weh und seine Schmerzen seyn mochten, seine Geduld war noch größer. Nur begehrte er inbrünstiglich die heilsame, Weg weisende Speisung mit dem Fleische und Blute unsers lieben Herrn. Er empfing das hl. Sacrament, wie es scheint aufgerichtet, mit höchster Ehrerbietung, und legte sich dann wieder auf sein Brett. In unaufhörlichem Gebet, mit immerwährender Danksagung und Lobpreisung Gottes, unter steter Anrufung der heiligsten Namen Jesus und Maria gal er seinen Geist auf, am Tage seiner Geburt, den 21. Mai 1487, siebenzig Jahre alt. An seinem Sterbelager befand sich seine liebe Gattin Dorothea mit den Söhnen und Töchtern, sein Caplan und der Pfarrer Imgrund von Stans. Die letzten Worte des Sterben den waren: »Schwer empfindlich sind freilich die Schmerzen, welche die Seele vom Leibe trennen, aber viel erschrecklicher ist es, in die Hände des lebendigen Richters zu fallen, als die heftigsten Schmerzen des Leibes auszustehen. Deßwegen befleißet euch, euer Leben und euern Wandel so einzurichten, daß ihr mit ruhigem Gewissen von hinnen scheidet und euerm göttlichen Richter mit heiterm, getrostem Gemüthe und nicht mit Schrecken und Furcht entgegen gehen möget.« Bis zum kirchlichen Begräbniß blieben alle seine An gehörigen bei seiner Leiche. Als die Kunde von dem Hintritte des Seligen in den Thälern der Schweiz von Mund zu Munde ging, erfüllte zugleich tiefe und schmerzliche Trauer Aller Herzen. Von weit und breit eilte wo immer nur konnte zu seinem Leichenbegängnisse Die Orte der Nachbarschaft entvölkerten sich. Alle Arbeit blieb liegen, denn jedermann hielt sich verpflichtet, dem unwidersprochen größten und ehrwürdigsten Bürger die letzte Ehre zu erweisen. Er wurde zu Saxeln in der Todtencapelle beigesetzt. Sein Grabstein erhielt die einfache, aber sein ganzes heiliges und wunderbares Leben umfassende Inschrift: »Bruder Klaus von Flühe ist gangen von Weib und Kinder in die Wilde, Gott dienend zwanzighalb Jahr ohne leibliche Speiß, ist gestorben St. Benedicti Tag 1487.« Nach seinem Hinscheiden geschahen auf seinem Grabe mehrere Wunder. Der Fürstbischof Benedict de Montferrand erhob am 21. März 1518 die Gebeine des Seligen. Papst Clemens IX vollzog am 8. März d.J. 1669 die Seligsprechung. Im J. 1671 dehnte Papst Clemens X. die Erlaubniß, sein Officium mit Messe feierlich zu begehen, auf das Bisthum Constanz und alle Cantone der Schweiz aus. Im nächsten Jahre wurde der Kirchenbau in Saxeln zu Ehren des Seligen begonnen und im J. 1678 vollendet. Einige Reliquien wurden nach Stanz, Lucern, Freiburg u.a.O. abgegeben. Bei allen kathol. Christen nicht bloß der Schweiz, sondern des ganzen Erdkreises steht er in hoher Verehrung. Außer dem 21. März wird auch das Fest seiner Erhebung am sechsten Sonntag nach Ostern begangen. Das Kirchengebet zu seiner Ehre lautet (Propr. Dioec. Cur.): »O Gott, der du den sel. Eremiten Nicolaus mit der Speise der Engel hast wunderbarlich ernähren und mit der Vision der heiligsten Dreifaltigkeit erleuchten wollen, verleihe uns, wir bitten dich, auf seine Fürbitte auf Erden den Leib und das Blut des Herrn würdig zu empfangen und verherrlichet im Himmel zu schauen.« Abbildungen geben sein möglichst genaues Porträt nach der oben gegebenen Beschreibung.



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