Guilielmus B. (29)

Guilielmus B. (29)

29B. Guilielmus (Wilhelmus), Abb. (4. Juli). Dieser sel. Guilielmus, Abt von Hirschau,132 stammte aus einer frommen, edeln bayer. Familie, deren Name leider noch unbekannt ist, und wurde im Stifte St. Emmeram zu Regensburg erzogen, in welches er auch als Mönch sich aufnehmen ließ und wo er nach den Bollandisten (Jan. I. 336) unter dem Abte Namuoldus später als Prior wirkte. Die klösterliche Zucht hatte zu seiner Zeit etwas nachgelassen; dennoch bewahrte er mit größter Sorgfalt Gottesfurcht und Tugend. Dabei war er in allen Zweigen des Wissens wohl bewandert. Selbst in den so genannten freien Künsten übte er sich mit großem Erfolge. Ueber philosophische Gegenstände disputirte er mit der feinsten Unterscheidungsgabe. Er erfand eine Uhr nach dem Gange der Himmelskugel, rechnete die Tag- und Nachtzeiten aus, und besaß überhaupt ungewöhnliche Kenntnisse in der Mathematik, Physik und Astronomie. Auch in der Tonkunst war er Meister, componirte selbst Mehreres und verbesserte den Kirchengesang. Wegen seiner ausgezeichneten Verdienste ward Wilhelm im Jahr 1069 von den Mönchen des Klosters zu Hirschau als Abt begehrt. Nur ungern nahm er diese Würde an, die ihm aus zwei Gründen beschwerlich fallen mußte: denn erstens hatten die Mönche ihren würdigen Abt Friedrich, der klösterlichen Zucht, welche dieser neu hatte einführen wollen, abhold und längst entwöhnt, zur Abdankung gezwungen; zweitens übte Graf Adalbert von Calw, als Schutzherr des Stiftes, einen durchaus unkanonischen, gewaltthätigen Einfluß aus. Von beiden Seiten standen einer gedeihlichen Amtsführung fast unübersteigliche Hindernisse im Wege. Kaum angekommen, entschloß sich deßhalb Wilhelm wieder zur Abreise. Nur auf die inständigen Bitten der Mönche blieb er zurück. Doch nahm er, so lange der Abt Friedrich noch lebte, den Abttitel nicht an, ordnete so gut als möglich die Verhältnisse mit den Grafen von Calw und ließ. sich erst im J. 1071 am Feste der Himmelsfahrt Christi feierlich einführen. In demselben Jahre wurde der Bau der neuen Klosterkirche glücklich zu Ende gebracht. Wilhelm fand das Kloster so verarmt, daß es kaum noch 15 Religiosen ernähren konnte; er brachte aber nach und nach ihre Zahl auf 150 und darüber. Und dieß bewirkte er durch die Zurückführung der alten Strenge, nicht durch unzeitige Nachsicht. Man sang wieder die heil. Tagzeiten, weihte bestimmte Stunden dem Gebete und der Betrachtung, andere der Lesung der heil. Schriften. Die hiezu weniger geeignet waren, mußten, damit Niemand müßig gehe, Handarbeiten verrichten. Zwölf Mönche waren stets mit dem Abschreiben der heil. Schrift und der heil. Väter beschäftigt; eine unbestimmte Zahl Anderer schrieben andere Werke ab unter der Aufsicht und Leitung eines gelehrten Mönchs, welcher die Correctur besorgte. Doch blieben diese Bücher nicht in Hirschau. Der freigebige Abt beschenkte mit denselben jene Klöster, die er neu gegründet oder reformirt hatte. Es gelang ihm, nicht nur die Klosterzucht in ihrem alten Glanze wiederherzustellen, sondern das Stift in jeder Weise zu heben und den Grafen Adalbert mit der geschehenen Befreiung nicht blos zu versöhnen, sondern sogar für sie zu begeistern, so daß er nun der Vertheidiger und Wohlthäter des Klosters wurde. Rings um das Kloster entstanden neue Gebäulichkeiten, weil die bisherigen zu klein wurden. Die Gläubigen, welche die Aufnahme des Stiftes mit Freuden begrüßten, säumten nicht, es durch neue Opfergaben zu bereichern. Er führte das ganz in Abnahme gekommene Institut der Laienbrüder wieder ein. Die Behauptung Butler's (XX. 9) und Anderer, daß die Einrichtung der Laienbrüder bis dahin »ganz unbekannt« gewesen sei, ist so unrichtig, daß vielmehr umgekehrt die ältesten Klöster lange Zeit fast ausschließlich aus Laienbrüdern bestanden. und erst später hie und da auch ein oder der andere fähige Mönch zur Abhaltung der Gottesdienste und Ausübung der Seelsorge ordinirt werden durfte. Was aber der sel. Wilhelm in der That zuerst durchführte, war das Institut solcher Conversen, welche die weltliche Kleidung und Lebensweise beibehielten, aber unter dem Gehorsame des Abtes lebten. Wie seit einiger Zeit das Kloster Clugny, nahm auch er Weltleute, die in der Welt bleiben, aber nach der Klosterordnung, soweit dieß mit Beibehaltung der weltlichen Geschäfte und Gewohnheiten möglich war, leben wollten, unter seine Leitung (Oblaten). Ueberhaupt setzte er sich mit den weisesten und erfahrensten Ordensmännern seinet Zeit in Verbindung, um das anderwärts Erprobte auch in seinem Kloster heimisch zu machen. Besonders nahm er sich die Einrichtungen des weltberühmten Klosters Cingnv. dessen damaliger Abt Hugo ihn freundschaftlichst unterstützte, zum Muster. Sie legte er den zwei Büchern zu Grunde, die er unter dem Titel »Hirschauer Gebräuche« (Consuetudines Hirsaugienses) verfaßte. Bald sah er eine Menge Klöster sich diesem Regulativ anschließen; es bildete sich die Congregation von Hirschau; dem Seligen aber ward ehrenvolle Beiname »Vater vieler Klöster« gegeben. So berühmt wurde unter dem sel. Wilhelm das Kloster Hirschau, daß es als Mutterkloster vielen andern Klöstern fromme und einsichtsvolle Vorsteher zusenden mußte und mit Recht als das deutsche Clugny benachtet werden konnte. Die Zahl der Mönche, die ihm zuströmten, nahm der Art zu, daß er genöthigt war, ganz in der Nähe des alten am Flusse Nagold ein neues Kloster zu erbauen, zu welchem im J. 1082 der Grund gelegt wurde. Nebst diesem gründete er noch viele andere Klöster, namentlich 1) das Kloster Reichenbach (cella S. Gregorii) im Murgthal, 2) St. Georgen im Schwarzwald, 3) Noth (Mönchsroth) bei Dinkelsbühl in der Diöcese Augsburg, 4) St. Margarethenzell in Bayern, welches nach Lechner später nach Scheyern sich verpflanzte, 5) Schönrain bei Wirzburg, 6) Chiemsee in Oberbayern, 7) St. Peter zu Erfurt auf der westlichen Anhöhe dieser Stadt, dessen Kirche nach dem Muster von Hirschau erbaut wurde, 8) Zwiefalten (ad duplicem aquam), dem er als Abt einen frommen und einsichtsvollen Mönch, Aamens Notger, vorsetzte, 9) Weilheim in Schwaben, 10) Lauen oder Lavant in Kärnthen etc. Ihre Wiederherstellung verdankten hm die Klöster: Schaffhausen in der Schweiz, Betershausen, dem er einen Abt aus seinem Kloster, Namens Dietrich, gab; Comburg, Bisthums Wirzburg (jetzt Rottenburg); Altdorf, Isny und viele andere. Nach dem Abte Teithemins von Spanheim, welcher die berühmten Annales Hirsaugienses herausgab, seien ihrer mehr als 100 gewesen. Kein Wunder, daß Papst Gregorius VII. ihn hochschätzte und während seines Aufenthalts in Rom auf jede Weise auszeichnete. Eine sbwere Krankheit, die den Seligen hier heimsuchte, ward auf die Fürbitte der hl. Jungfrau, die er innig verehrte, von ihm genommen. Unter der Zahl jener, die ihn in diesen ätbeiten unterstützten, wird der Abt Bernardus von Marseille genannt, welcher längere Zeit als Legat Gregor's VII. in Hirschau lebte, und Ulrich, ein Mönch aus Clugny, welcher eine schriftliche Darstellung der in letzterm Stifte herrschenden Gewohnheiten verfaßte. Bei allem dem leuchtete der sel. Wilhelm den Brüdern als Muster der Demuth und Strenge gegen sich selbst. Wenn bessere Speisen ihm vorgesetzt wurden, so kostete er sie nur, um sie den Armen und Kranken zu geben. Er trug nie etwas Kostbares und duldete auch nichts dergleichen in seiner Zelle. Nie wollte er zulassen, daß ihm von seinen Untergebenen die Hände geküßt würden. Vorzüglich liebte und übte er die Gastfreundschaft. In den traurigen Wirren, die damals Kirche und Reich bedrängten, kamen viele von Heinrich IV. wegen ihrer Anhänglichkeit an das Oberhaupt der Kirche verfolgte und verbannte Priester, Ordensleute und Laien an die Pforten seines Klosters. Sie fanden daselbst eine sichere Zuflucht. Deßungeachtet blieb er von Feindseligkeiten durchaus unbehelligt, nicht weil er etwa nach weltlicher Klugheit auf zwei Achseln Wasser trug, sondern weil seine einsichtsvollen, mit Liebe gewürzten Reden allenthalben gern gehört und verstanden wurden. Sein Vertrauen auf Gottes Vaterliebe und Vorsorge war unbegränzt. Oft erhielt er durch sein Gebet außerordentliche Erhörungen in Trübsalen und Leiden, was die Ehrfurcht der Genossenschaft gegen ihn noch steigerte. Das größte Wunder, welches Gott durch ihn wirkte, war die Reformation so vieler Klöster in Deutschland. Dabei war er auch als Schriftsteller unermüdet. Sein gröstes Werk ist eine Art Universal-Lexikon, das man gewöhnlich Liber oder Wilhelmus de universo nannte. Seine Klostergemeinde trug er überall im Herzen, für sie denkend, arbeitend, betend. Wer sich in Versuchungen, Zweifeln oder Betrübnissen an ihn wendete, fand ihn stets zur Hilfe, zum Rathe und Troste bereit. Er vollzog Großes nicht durch Strenge, sondern durch Demuth und unbedingtes Gottvertrauen. Wo er immer hinkam, suchte er nach Kräften Gutes zu wirken. Einst führte ihn sein Weg an der Hütte armer Leute vorüber. Da es Nacht wurde, trat er ein und setzte sich an den Ofen. Das Weib wartete noch auf ihren Mann, einen Taglöhner, der seine Familie kaum kümmerlich zu nähren im Stande war. Im Gespräche bemerkte der heilige Mann, daß die geistige Armuth nicht geringer war als die leibliche, und benützte die Zeit seines Aufenthalts, um ihnen zu zeigen, daß die Gottesfurcht der Grund alles wahren Wohlstandes sei. »Was Wunder,« sagte er, »daß ihr arm seid an zeitlichen Gütern, die ihr inwendig von Gott selbst, welcher uns überreichlich sättigt, entblößt seid.« Dann unterrichtete er sie, so gut es für den Augenblick möglich war, in den Glaubenswahrheiten und lud sie zu sich ins Kloster. Als sie wirklich kamen, empfing er sie sehr freundlich und reichte ihnen eine bedeutende Unterstützung. Einst schenkte ihm ein Abt, den er aus seinen Mönchen erhoben hatte, ein kostbares Bett. Seine Absicht war, den frommen Mann zu vermögen, ihm seine hoffärtige Kleidung nachzusehen. Der sel. Wilhelm theilte das Geschenk sogleich an die Armen aus. Selbst mit den Thieren, wenn sie Noth litten, hatte er Mitleid, ließ z. B. den Vögeln im Winter Körner vorwerfen etc. Um so mehr erbarmte er sich in thätiger Liebe aller Armen, Kranken und Sterbenden. – Dieser treue Diener Gottes starb am 4. Juli 1091, nachdem er die heil. Jungfrau um ihre Fürbitte zu einem glückseligen Ende angefleht und in ihrer Kapelle andächtig die heil. Sterbsacramente empfangen hatte. Kurz vorher, am 22. April, als am weißen Sonntage, hatte Bischof Johann von Speyer die neue größere Abteikirche eingeweiht. Seine Gestalt war schlank, sein Haupt nur am Hintertheile etwas behaart, sonst völlig kahl, das Gesicht etwas hervorstehend und von Farbe blaß, ins Bläuliche fallend, die Hände zart und schön, die Stimme war kraftvoll und angenehm, so daß seine Ueberredungsgabe fast hinreißend war, und er sicher seyn durfte, seine Absicht beinahe jedesmal zu erreichen. Wie im Leben, so ward er auch nach seinem Tode durch Wunder verherrlicht. Seine irdische Hülle wurde mitten in der Klosterkirche beigesetzt. (II. 148–165.)



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